Raffaele Urraro, «Questa maledetta vita.» Il «romanzo autobiografico» di Giacomo Leopardi. Firenze: Olschki Editore 2016
ISBN 978-88-22-26378-0, pp. 445, Euro 39,00

· Franca Janowski ·


PID: http://hdl.handle.net/21.11108/0000-0007-C2DA-8

Wenige Leben von italienischen Literaten wurden so gründlich und schonungslos un­tersucht wie die unglückliche Existenz des Dichters Giacomo Leopardi. Neben den zahlreichen wissenschaftlichen Studien, die akribisch die historischen, politischen, ideologischen, aber auch kulturellen und literarischen Faktoren rekonstruieren, scheint vor allem der Versuch, das Fenster der Subjektivität zu öffnen, oder mit den Worten von Renato Minore: «die Mauer der ‹soggettività senza prove› zu brechen»1, einen mächtigen Reiz auszuüben. Sogar dem 2014 gedrehten Leopardi-Film von Mario Mor­tone Il giovane favoloso war ein bemerkenswerter Publikumserfolg beschieden. Wozu also eine weitere Biographie über den Dichter aus Recanati, ja einen «romanzo auto­biografico» schreiben?

Man muss vorausschicken, dass das Buch von Raffaele Urraro sich schwer in die Gattung Roman, die der Titel suggeriert, einordnen lässt. Das macht aber m. E. die Ei­genheit des Werkes aus. Die Rekonstruktion des Lebens des Dichters anhand seiner pathologischen Zustände reflektiert Krankheitserfahrungen, die viel Platz im anthro­pologischen Diskurs der Moderne einnehmen. Studien im Grenzbereich zwischen Litera­tur und Medizin beeindrucken durch ihre Menge und Qualität vor allem auf dem Feld der deutschen und angloamerikanischen Forschung. Sie sind auf dem Gebiet der Italianistik, so weit ich es überblicken kann, noch ein Desiderat. Eine Ausnahme bilden die zahlreichen ärztlichen Beiträge, die sich mit der Krankheitsgeschichte Leopardis beschäftigen, sowie die wachsende Aufmerksamkeit für die anthropologische Perspek­tive in seinem Werk.2

Die Medizingeschichte entwickelte in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Sen­sibilität für die pathologische Symptomatik literarischer Gestaltungen und ihrer Autoren, nicht minder aber machte sich die Literaturwissenschaft das Wissen aus der Medizingeschichte zu eigen.

In ihrem Plädoyer für eine Literaturgeschichte der Medizin macht die Germanistin Sabine Pott die Breite des literarischen Spektrums, das von dieser Zusammenarbeit profitiert, sichtbar:

Nicht umsonst gehen zahlreiche Studien, die das Verhältnis von Literatur und Medizin berück­sich­tigen, zunächst von bestimmten Gattungen aus: von der Gelehrtensatire, der Exempla-Literatur, von Versepen, Romanen, Dramen und Gedichten, Bild- und Texttypen wie Schatz- und Wunder­kammern, Drama und Theater, Kalendern, Reiseberichten, Patientenbriefen und Konsiliarkorres­pon­denzen, Tagebüchern und anderen Selbstzeugnissen der Ärzte und Patienten, von gedruckten Ratgebern, Notizbüchern, Leichenpredigten, Trauer- und Trostgedichten, Rezepten, Lehrbüchern, Wörterbüchern beziehungsweise Enzyklopädien, Disputationen, Programmschriften und den Textordnungen ganzer Bibliotheken.3

Diese beeindruckende Liste von potentiellen Gattungen geistert durch den Kopf des Lesers von Urraros Buch, das neben großen Verdiensten auch methodische Fragen im Blick auf die Auswahl der literarischen Texte aufwirft.

Zunächst muss gesagt werden, dass der 1940 in San Giuseppe Vesuviano bei Neapel geborene Autor kein Arzt ist, sondern ein angesehener Kritiker und Publizist, der sich auch als Dichter einen Namen gemacht hat. Dem Leben Leopardis widmete er bereits 2008 ein Werk: Giacomo Leopardi, le donne, gli amori. Daher spart er in seinem «Romanzo autobiografico» die Darstellung der Beziehungen des Dichters zum weibli­chen Geschlecht weitgehend aus. Sein Vorhaben besteht darin, jene Autobiographie, jene Geschichte einer Seele, die Leopardi, ein Bewunderer von Goethes Werther, immer schreiben wollte, aber nie zu Papier brachte, zu entwerfen. Um diesen ehrgei­zi­gen Plan zu verwirklichen, greift Urraro vor allem auf den reichen Briefwechsel des Dichters aus Recanati mit der Familie und den Freunden zurück. Verwendet werden aber auch Ranieris umstrittene Biographie Sette anni di sodalizio con Giacomo Leopardi sowie die Aufzeichnungen der Schwägerin Teresa Teja Leopardi.

Der wahre Protagonist dieser Lebensgeschichte ist aber der kranke Körper Leo­pardis, so dass das Buch einen Beitrag zur Geschichte der Leiblichkeit im frühen 19. Jahrhundert liefert.

Sein Projekt umschreibt Urraro folgendermaßen:

Ed è per tale ‹importanza documentaria› delle confessioni leopardiane, e perché […] delle sue ma­lattie si ha una nozione superficiale, vaga, esagerata o falsa, che ci dedichiamo a questo nostro lavoro, animati soprattutto dal grande amore che portiamo al poeta recanatese e dalla volontà di chiarire, là dove è possibile, le cause e la fenomenologia delle sue sofferenze, facendoci sempre guidare dai medici e dagli studiosi che hanno dedicato interessanti studi scientifici sull’argomento. Infatti cercheremo di indagare anche sulle malattie e sulle sofferenze di Giacomo per compren­dere fino in fondo i dolori, i traumi, i mali che egli dovette sopportare nella sua breve vita. (S. IX)

Die Krankheitsgeschichte Leopardis wird im Buch anhand einer doppelten Strategie verdeutlicht: zur Sprache kommen sowohl die Beschreibungen der vielen und schweren Beschwerden, der physischen und psychischen Leiden dieses «grande ammalato», wie sie seit den ersten Belegen im Jahre 1817 bis zum Tode 1837 in autobiographischen Zeugnissen festgehalten werden, als auch Dokumente aus der Medizingeschichte.

Das Buch hat einen strengen biographischen Aufbau, der sich in 14 Teile gliedert. Hinzu kommen Einführung und Schluss. Geboten wird eine detaillierte Analyse der verschiedenen Lebensphasen, die durch Aufenthalte in Recanati, Rom, Bologna, Flo­renz und Pisa sowie in Neapel bestimmt sind. Der letzte Abschnitt ist vielleicht der beste Teil des Buches. Urraro untersucht akribisch die Beziehung Leopardis zu Antonio Ranieri und bringt wenig bekannte Einzelheiten ans Licht. Die Schilderung der Tage in Neapel, die Liebe des kranken Dichters zum Flanieren im bunten Chaos der Stadt, sowie sein melancholischer Aufenthalt in der «Villa delle Ginestre» sind fesselnd beschrieben. Interessant dargestellt werden auch die frühen Jahre in der Heimat Re­ca­nati. Demgegenüber sollte der Leser mehr wissen über die Zeit in Florenz, zum Beispiel über die Beziehung zu Colletta und Vieusseux. Vermisst werden auch Porträts jener schillernden Persönlichkeiten, die Zielscheibe seiner Satire in den Paralipomeni (1836) wurden.

Die Berichte über die Krankheitsgeschichte Leopardis beginnen im siebten Kapitel und folgen dann diachronisch. Neben den neurologischen und psychischen Beschwer­den in der Jugend befasst sich die Dokumentation vor allem mit der Erkrankung und Schädigung der Wirbelsäule. Die Missbildung, deren Entstehung der Dichter selbst und weitgehend auch seine Zeitgenossen mit den übertriebenen Studien in jungen Jahren zu deuten versuchten, bekommt eine medizinische Erklärung. Ab dem 17. Lebensjahr beginnen sich in seinem grazilen Körper zwei Buckel zu bilden, die sich mit den Jahren verstärkten (Gibbusbildung). Die Diagnose ist ziemlich gesichert: Spondilitis, verur­sacht durch eine Kochentuberkulose; es ist das pathologische Bild des sogenannten Morbus Pott. Hinzu kamen schwerwiegende Augenprobleme. Zweifelsohne muss Leo­pardi in einer Zeit, in der die Medizin ohne eine antituberkulöse Chemotherapie nicht helfen konnte, starke Qualen gelitten haben. Er selbst war überzeugt, dass seine Leiden ihren Ursprung in einer Nervenschwäche hätten.

Über Medizin und Krankheit sind einige Eintragungen im Zibaldone zu lesen. Die Krankheit ist demnach eine Folge der Zivilisation, die dem rationalen Fortschritt ge­schuldet ist. Sie übt auf Intellekt und Charakter einen mächtigen Einfluss aus. Die Medizin habe seit Hippokrates weniger Fortschritte gemacht als jede andere vergleich­bare Wissenschaft, sie widerspräche der Natur: «Accade del suicidio come della medicina . Essa non è naturale. Il tirar sangue, tanti farmaci velenosi, tante operazioni dolorose ec. sono ignote ai popoli naturali e sono contro natura.» (Zib. 1980). Wie Urraro feststellt, hat sich Leopardi aus Skepsis weitgehend den Behandlungen der Ärz­te und der Medizin seiner Zeit entzogen.

Im Blick auf die Methode wirft die Entscheidung Urraros, seine Biographie vor­wiegend auf dem Epistolario aufzubauen und dem Zibaldone weniger Gewicht zuzumessen, Probleme auf. Für sein Vorhaben, den Roman eines Lebens zu schreiben, wäre m. E. eine kritische Befragung, die den Unterschied zwischen beiden Texten klar heraus­arbeitet, unerlässlich. Die 4526 Seiten des Manuskripts, das seit dem Tod Leopardis im Jahre 1837 zunächst in seinen Unterlagen verborgen blieb, enthalten bekanntlich ein Kompendium seines immensen Wissens, aber auch viel autobiographi­sches Material.14

Eine neue interpretatorische Strategie, um dem Leser Wege im Labyrinth des Wer­kes zu eröffnen ist Fabiana Cacciapuoti und Antonio Prete zu verdanken, die zwischen 1997 und 2003 eine thematische Ausgabe herausgegeben haben. Weder Essay noch Prelude (Prete), aber auch kein vollendetes Werk – der Zibaldone zeichnet sich insbe­sondere durch die enge Beziehung zwischen memoria und Analyse aus. Vor allem der sechste Band mit dem Titel Memorie della mia vita macht deutlich, dass Autobio­gra­phie für Leopardi nicht die Form eines Entwicklungsromans haben konnte. Die Suche in den verborgenen Schichten des Ich, um die Linien der eigenen Existenz aufzu­zeichnen, sowie die Reflexion über das Selbst sollten nicht primäre Momente, sondern lediglich ein Medium der Erkenntnis, ein Ufer sein, von dem aus die Meditation über das Universum ihren Flug starten kann.5

Die Briefe mit ihrer thematischen Fokussierung auf Schmerz und Not und ihre not­wendige zeitliche Abfolge verzerren Leopardis rhizomhafte Konzeption des Denkens als offenes System, das produktive Querverbindungen in jede Richtung herstellen kann. Die Bedeutung des kranken Körpers als Inszenierung des Selbst wird so reduziert auf seine kommunikative Dimension.

Ohne die Meriten von Urraros Buch mindern zu wollen, muss man sich außerdem fragen, warum beispielsweise Gedichte wie die «Sepolcrali» nicht hinzugezogen wer­den. Insbesondere aus einer historisch-anthropologischen Lektüre der zweiten canzone «Sopra il ritratto di una bella donna scolpito nel monumento sepolcrale della mede­sima» von 1833 könnte der Leser viel über das Verständnis von Tod und Körper bei Leopardi gewinnen. Hier sei noch einmal die zentrale Dominanz des Körpers bei Leo­pardi erwähnt: «Sentiamo corporalmente il pensiero» (Zib. 4288). In einem Denken, das ein substantielles Verständnis des Ich nicht kennt, erhält die Sprache des Körpers die Fähigkeit, die Innerlichkeit, il sentimento intimo, abzubilden. Dadurch kann der Mensch zu einer positiven Erkenntnis seiner selbst kommen.

Michel Foucault schlägt die Brücke:

Eben dadurch ist die medizinische Erfahrung mit einer lyrischen Erfahrung verwandt, die ihre Sprache von Hölderlin bis Rilke gesucht hat. Diese Erfahrung, die das 18. Jahrhundert ermöglicht hat, und der wir noch nicht entronnen sind, ist an Manifestationen der Endlichkeit gebunden, von denen der Tod die bedrohlichste, aber auch die vollkommenste ist.16

Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Leser, der mit dem poetischen aber auch dem Prosa-Werk Leopardis vertraut ist, auf Urraros Darstellung der Krankheit als Inszenierung des Selbst empathisch reagieren wird. Schmerz und Leid, ja Elend und Demütigung der conditio humana lassen die Stimme des Dichters, malato di infinito, noch höher und reiner erklingen.

  1. Renato Minore: Leopardi. L’infanzia, le città, gli amori, Firenze 1987. Das Werk wurde 2014 neu editiert.
  2. Vgl.: La prospettiva antropologica nel pensiero e nella poesia di Giacomo Leopardi. Atti del XII Convegno internazionale di studi leopardiani, a cura di Chiara Gaiardoni, Firenze 2010.
  3. Sabine Pott: «Literatur und Medizin im 18. Jahrhundert: von der erneuerten Fortschrittskritik bis zum ‹Medical Writing›» in Gesnerus 63 (2006), S. 127–143, hier S. 135 f.
  4. Nach der ersten Veröffentlichung des Werkes in den Jahren zwischen 1898 und 1900 durch Giosué Carducci folgten die kritischen Ausgaben von Flora (1937–38), Pacella (1991) und Damiani (1997). Die Zitate in der vorliegenden Rezension erfolgen nach der Ausgabe von Giuseppe Pacella.
  5. Zibaldone di pensieri. Nuova edizione tematica stabilita sugli Indici leopardiani, a cura di Fabiana Cacciapuoti, introduzioni di Antonio Prete, Firenze: Donzelli 2014.
  6. Michel Foucault: Die Geburt der Klinik, eine Archäologie des ärztlichen Blicks, Frankfurt a. M. [u. a.]: Ullstein 1976 ( = Anthropologie, hrsg. von W. Lepenies und H. Ritter), S. 209.