Alessandro Baronciani: RagazzaCD. Selbstverlag 2023, Euro 30,-
Dass die Künste sich untereinander verknüpfen, ist nichts Neues, auch nicht, dass ein Comic neben Bildern und Text auch Musik und Geräusche in Form von Notensymbolen und Soundwords enthält. Auch ein Anime – ein animierter Comic – wird ganz selbstverständlich von gesprochener Sprache, Geräuschen und Musik begleitet. Dass aber ein Comic mit einer eigenen Tonspur antritt, die auf eine beigelegte CD ausgelagert ist, das ist bemerkenswert. Genau das zeichnet den Comic RagazzaCD von Alessandro Baronciani aus dem Jahr 2023 aus. Zwar wurde schon in den fünfziger Jahren in Randbereichen des Unterhaltungsromans (sogar unter der Gattungsbezeichnung «klingender Roman») mit Schallplatten experimentiert und der Text mit Musik, Geräuschen und Klangeffekten bereichert, aber Alessandro Baronciani geht doch erheblich weiter.
Nicht zum ersten Mal bringt der am 10. Mai 1974 in Pesaro geborene Autor, der auch Illustrator, Cartoonist und Musiker ist und heute in Mailand lebt, Bilder, Text und Musik in einen Dialog. Seit 2006 publiziert er Comics, bisweilen auch in Zusammenarbeit mit anderen: 2015 veröffentlichte er mit dem italienischen Sänger Colapesce den Comic La distanza, welchen das Duo während einer Tour präsentierte. Dabei wurden die Lieder von Colapesce aufgeführt und von Zeichnungen und Illustrationen begleitet, die Baronciani in Echtzeit schuf.
Der Band RagazzaCD erzählt von der Erkundung eines Planeten, die sich über mehrere Tage hinzieht. Eine in einen Raumanzug gekleidete Protagonistin, die immer wieder versucht, über Funksprüche Kontakt zu ihrer Basisstation aufzunehmen, wandert über diesen Planeten. Doch das Signal kommt offenbar nicht durch, so ist sie vollkommen auf sich selbst angewiesen. Die ganze Umgebung wirkt auf sie fremdartig. Sie charakterisiert sie als zweidimensional. Dieser Eindruck von der Welt, die sie entdeckt, kann auch als ein Verweis auf die Materialität der Buchseite gelesen werden.
Sie begegnet unverhofft einem menschenartigen Wesen, ebenfalls in einer Art Raumanzug, das androgyn wirkt. Mit diesem Wesen, das den Namen Traccia uno (Spur Eins) erhält, begibt sich die Protagonistin auf eine Wanderung durch die wüstenhafte Landschaft. Doch diese gemeinsame Entdeckungsreise ist keine der bekannten Weltraum-Odysseen, die man aus amerikanischen Blockbustern kennt. Die Reise ist nicht durch das Streben nach der Erkenntnis neuer Welten geleitet, sondern durch eine zyklisch wiederkehrende Handlung, der die Protagonistin nicht entfliehen kann. Denn Traccia uno scheint jede Nacht die Erinnerung an sie zu verlieren, sodass die Beziehung zu ihm jeden Tag von Neuem aufgebaut werden muss und daher in der Schwebe bleibt. Auf dieser Reise steigen nach und nach Erinnerungen an ihre bisherige Existenz in der Protagonistin auf, die bis zu Kindheitserinnerung in einer Art Höhle zurückreichen. Sie erinnert sich auch an ihren Namen Rocasta, erinnert Begegnungen, ein erstes Liebeserlebnis, das Gefühl von Verlassensein und Einsamkeit.
Der Band RagazzaCD – DIN A5 Querformat – umfasst 382 Seiten ohne Seitenzahlen. 378 davon sind den Panels vorbehalten, durchschnittlich etwas über zwei pro Seite, es kommen aber bis zu 11 Panels pro Seite vor. Die Panels reichen bis auf wenige Ausnahmen bis an den Seitenrand, können aber auch auf die danebenliegende Seiten ausgreifen. Die Form der Panels überschreitet die Konvention insofern, als die Abgrenzungen durch die Abwesenheit eines festen Grids teils schief, horizontal oder vertikal verlaufen oder sogar ganz fehlen.
Die Geschichte ist durch zehn Schwarzseiten unterteilt, auf deren Rückseite die Tracks der beigelegten CD vermerkt sind. Die Panels enthalten keine einzige Sprechblase, nur auf S. 373 kommt ein Stück gedruckter Text vor, der einen Hinweis auf eine mögliche Auflösung der Handlung gibt. Der auf der CD festgehaltene gesprochene Text wurde von Chiara Leoncini als Monolog gesprochen. Der (teils chorisch verstärkte) Monolog ist mit sphärenhaften Synthesizerklängen unterlegt und füllt zehn Tracks der beigelegten CD. Jeder dieser Tracks dauert zwischen einer und zwei Minuten, im Ganzen ca. 21 Minuten. Legt man die Dauer dieser zehn Tracks zugrunde, wären rechnerisch pro Minute ca. 18 Seiten oder ca. 38 Panels zu lesen.
Es empfiehlt sich, die einzelnen Tracks der CD mehrmals zu hören, weil der Text sich möglicherweise nicht beim ersten Hören auf allen Ebenen erschließt. Er ist nicht in kurze Einheiten aufgeteilt, wie sie für Sprechblasen geeignet wären, sondern fließt als durchgehender Monolog, der der Chronologie der Bilderzählung locker folgt. Die Stimme der Protagonistin berichtet von ihren sinnlichen Eindrücken, von inneren Zuständen und Erinnerungen. Auf die zehn Tracks, die die Lektüre begleiten, folgen vier kurze über Synthesizer-Klänge gesungene rhythmische Songs: «Salta», «Storia», «Lucida» und «Fragili», die zusammen 13 Minuten dauern.
Die Darstellungsweise wirkt sehr perfektioniert. Die Farben sind zumeist flächig, die minimalistische Farbpalette mit gedämpftem kühlen Blau, Grau und Lilatönen erzeugt eine eigentümliche graphische Harmonik. Sie verleihen den Panels einen fast meditativen Charakter, der mit dem intensiven, ergreifenden Monolog kontrastiert.
Die Darstellung der Landschaften und Figuren tendiert zum Abstrakten, Cartoonhaften. Dies unterstützt wirkungsvoll die emotionalen Herausforderungen, die die Protagonistin durchlebt. Das Gefühl von Isolation und Einsamkeit wird visuell durch große, leere Flächen verstärkt, deren Weite von nur wenigen Elementen oder Figuren unterbrochen wird. Damit wird der Eindruck intensiviert, dass die Protagonistin von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Es gibt eine Reihe graphischer Motive, die wiederholt verwendet werden: Die glatten Flächen, die schwarzen Kisten, die kreisrunden Objekte und Aussparungen. Diese Motive sind unterschiedlich deutbar: Das Licht könnte das einer Sonne, aber auch eines Laser-Abtasters sein, wie man ihn in CD-Abspielgeräten findet. Am Ende des Prozesses stünde dann die spiegelglatte CD, mit der die Geschichte endet. Wäre das dann nicht auch die CD, die der Leser in die Hand bekommt? Das Zimmer in Schwarz-Weiß könnte so etwas wie eine Erinnerung sein, aber auch der Raum, von dem aus der Rest geträumt wird.
Erst nach und nach rückt das Motiv der CD in den Vordergrund, erst in Form der bereits angesprochenen kreisrunden Objekte, sodann als konkrete CD, die die Protagonistin in der letzten Sequenz des Werks erhält. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Bilderzählung die metaphorische Einkleidung einer ganz anderen Geschichte ist, die den Schaffensprozess eines Songs darstellt – von der anfänglichen Verwirrung der Protagonistin hin zum kreativen Umgang mit Schwierigkeiten wäre der Verlauf dieses Prozesses dargestellt. Dieser ist von einem konstanten Infragestellen und Wiederholen geprägt, wie es auch die Protagonistin während der Erzählung erlebt.
Könnte es sich um einen Traum der Protagonistin handeln? Ist der Planet das anvisierte Ziel einer Reise oder nur der zufällige Ort einer Notlandung? Die Begegnung der jungen Astronautin mit dem androgynen Wesen, mit dem es kaum Kommunikation, aber doch das Einverständnis gibt, gemeinsam auf eine Entdeckungstour zu gehen, könnte ein Teil einer Weltraumsaga sein, aber auch eine wirkliche Erfahrung wiedergeben. Die Begegnung mit dem Planetenbewohner Traccia uno ist von Unverständnis, dem Vergessen und der mangelnden gemeinsamen Sprache geprägt, also nicht rundum harmonisch, sondern von allen Schwierigkeiten begleitet, die die Begegnung zwischen Menschen ausmachen. Eine mögliche Nähe wird so immer wieder von Momenten der Fremdheit gebrochen. Die Wüste mit ihrem glänzenden Boden und ihren kristallinen Einschüben ist vielleicht eine ferne Wüste auf einem unbekannten Planeten, vielleicht aber auch eine innere Wüste oder sogar die Oberfläche einer CD, an der die Protagonistin nicht ohne Mühen und Rückschläge arbeitet.
Der außergewöhnliche Comic, der lesens- und hörenswert ist, lädt ein zu vielfältigen Interpretationen, auch dies etwas Besonderes in der Welt der Comics, in der es häufig um die spektakuläre Darstellung eher eindeutiger Handlungsverläufe geht. Es könnte sich um die Darstellung eines Weltraumabenteuers, auf einer Metaebene aber auch um die Beschreibung eines depressiven psychischen Zustands einer Person handeln. Dafür spricht die teils melancholische Stimmung der Musik. Vielleicht verbirgt sich hinter der Metapher des Weltraumabenteuers auch eine komplexe Episode des coming of age einer jungen Frau. Die interpretative Offenheit gibt diesem Comic einen unbestreitbar literarischen Charakter. Ein Hinweis darauf lässt sich auch den Entstehungsumständen von RagazzaCD entnehmen: Der Autor hat dieses Projekt auf ungewöhnliche Weise realisiert, durch crowd-funding, da er keinen Comicverlag finden konnte, der dieses scheinbar weniger marktgängige Projekt verlegen wollte. Ein dem Comic beiliegendes Blatt verzeichnet die Sponsoren.