Rezensionen

Carlo Levi:
Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958
München: Beck 2024
La doppia notte dei tigli
Torino: Giulio Einaudi Editore 2024 (1959)

Ursula Reuter-Mayring

Carlo Levi: Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958, übersetzt von Matin Hallmannsecker. München: Beck 2024, 176 S., Euro 20,-, ISBN: 978-3-406-82369-5
La doppia notte dei tigli. Torino: Giulio Einaudi Editore 2024 (1959), pp. XII–146, Euro 11,50, ISBN: 978-8806263157

In der schönen Reihe textura des Münchner Beck Verlags ist im vergangenen Jahr die erste deutsche Übersetzung von Carlo Levis Beschreibung seiner Deutschlandreise von 1958 erschienen. Gleichzeitig brachte auch der Verlag Giulio Einaudi Editore (Turin) eine Neuauflage des erstmals 1959 veröffentlichten Textes heraus. Dass dieses Buch des beim deutschsprachigen Publikum bekannten und geschätzten Carlo Levi, dessen Todestag sich im Januar zum fünfzigsten Mal jährte, nun auf Deutsch erscheint, ist höchst verdienstvoll. Die Lektüre, die oft als fordernd und bitter empfunden werden mag, bietet genaue Betrachtungen und deren Beschreibung in sprachlich reicher, kunstvoller Prosa, die wiederum vorzüglich, dem Original höchst angemessen, von Martin Hallmannsecker ins Deutsche übertragen wurde.

Carlo Levi reiste auf Einladung seiner Verleger zu Lesungen nach Deutschland; sein Roman Cristo si è fermato a Eboli (1945) war schon 1947 (Christus kam nur bis Eboli) erstmals auf Deutsch erschienen und ist bis heute im Programm bei dtv. Levi landet mit dem Flugzeug zunächst in München und reist von da aus durch das in BRD und DDR geteilte Land über Stuttgart und Tübingen nach Berlin. Auf seiner Reise begleiten ihn – wie Dante in der Commedia – vermittelnde Stadtführer: ein italienischer Student in München, ein aus den Augen verlorener Freund in Schwaben und schließlich jener zurückgekehrte Emigrant «mit seiner durchscheinenden intellektuellen Anmut», um den herum sich «der Geist des alten Berlin […], das nicht mehr existiert» (S. 104) verbreitet, wenn er Levi von den verlorenen Protagonisten und Stätten der ehemals pulsierenden Metropole erzählt. Levi betrachtet die Menschen, die zerstörten Städte und ‹unheimlich› idyllischen Landschaften, hügelig oder flach ausgestreckt, die so unerhört grünen und gelben Felder, die dunklen Wälder, die schnurgeraden Autobahnen. Er zeigt sich als gebildeter und mit deutscher Kunst im Speziellen, sei es Malerei, Architektur oder Literatur, tief vertrauter Reisender. Schon die «doppelte Nacht der Linden» des Titels zitiert Goethes Faust: Jenen Faust, der sich im «Zweiten Teil der Tragödie» der Vernichtung einer Welt zutiefst humanen Zusammenlebens schuldig macht, des Ortes nämlich, an dem unter den alten Linden Philemon und Baucis leben und den Mephisto niederbrennen lässt, perfide alles der von Faust projektierten Errichtung einer neuen Welt im Wege Stehende zerstörend.1 Mit dem Bild von Faust als Metapher der Deutschen, die sich in die Hände des Teufels, Hitler, gegeben haben, versucht Levi, das zu fassen, was angesichts dessen, was Deutsche in den Jahren des Nationalsozialismus über Welt und Menschheit gebracht haben, unfassbar zu sein scheint. Auch Thomas Mann bediente sich übrigens in seinen Reden an die Deutschen, ab 1940 für die BBC gehalten, eines ähnlichen Bildes: Mehrfach spricht er vom anderen Gesicht der Deutschen, von der Fratze der Medusa, deren Anblick alles vernichtet.2

Bei seiner Schau auf die Deutschen, die er überall im Land ein gutes Jahrzehnt nach der Befreiung vom Nationalsozialismus (und Faschismus) und dem Ende des Zweiten Weltkrieges beobachtet, findet Levi den Faust nicht, der bei Goethe später im Fortgang des fünften und letzten Aktes zweifelt und die Schuld erkennt. «Tiefes, angstgetriebenes Misstrauen gegen Deutschland grundiert den Text»3 , so Gustav Seibt in seiner klugen Rezension zu Levis Rezeption des Nachkriegsdeutschland. Auf der Suche allerdings ist Levi:

Ist, was mich erwartet, […] ein Land ohne Väter, aus der Asche geboren, den dauerhaften Beweggründen seiner Geschichte fremd? Oder sind Gegenwart und Vergangenheit dort vielmehr verbunden, als unterschiedliche Teile miteinander verflochten und doch voneinander getrennt? Welches der zahllosen Deutschlands der Kultur und Geschichte wird mir begegnen? Welches Überbleibsel oder welche Kombination von diesen werde ich im heutigen Deutschland wiederfinden können? Was sind äußerer Anschein und innerer Wesenskern dieses Zwischenortes, der so viele fantastische und sentimentale Assoziationen hervorruft und dessen Gedankenwelt so vollkommen ist? Was ist dort passiert oder passiert dort gerade nach den Geschehnissen, die wir alle miterlebt haben? (S. 11)

Und dahinter steht jene Frage, mit der sich nach dem Holocaust tatsächlich jeder und jede, überall und bis heute immer wieder konfrontieren muss:

Doch schien es mir angemessen, meine Beobachtungen darzulegen […] nicht um ihrer selbst willen, sondern weil das Land, das ich gesehen habe, für alle, auch für jene, die es nicht kennen, gewissermaßen mit einer fundamentalen Existenzfrage verbunden ist. (S. 9 f.)

Levis Erklärungsansätze, die in der von ihm den eigentlichen Reise-Eindrücken vorangestellten, resümierenden Reflexion des Gesehenen nach der Rückkehr offenbar werden, sind für die Leserinnen und Leser, die diesem Text heute zum ersten Mal begegnen, nur in historisch-kritischer Lesart verständlich. Eine mögliche Lesart eröffnet auch Gustav Seibt in seiner Rezension: Er schreibt, Levis «ästhetisches Wahrnehmungsgerüst erinnert stark an die Dichotomien von Heinrich Wölfflins Buch „Italien und das deutsche Formgefühl“, diesem Klassiker eines binationalen Vergleichs»4 – womöglich eine feine Spur, wirkten doch die Ideen zur Methodik aus diesem 1931 erschienenen Spätwerk des Kunsthistorikers (1864–1945), Schüler von Jakob Burckhardt und Lehrer u. a. von Ernst Gombrich und Erich Panofsky, auch in die Literaturwissenschaft hinein. Aber in seinen Gedanken «zur fragmentierten Natur der Deutschen» (S. 12) zeigt Levi sich auf andere Weise seiner Zeit deutlich stärker verhaftet. Hier scheinen Strömungen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts durch. Heutige Forschungen, u. a. in der Wissenschaftsgeschichte, Kultursoziologie und Kultur- und Sozialpsychologie, gehen dagegen nicht von einem – einheitlichen – Bewusstsein oder Unterbewusstsein eines Volkes, einer Ethnie aus. Levi interpretiert den Völkermord der Deutschen

[…] als verdrehte, neidische embryonale Version der Freiheit. Diese ungeheuerliche Verdrehung entstammt einem kindlichen Zusammenbruch, einer wirren Spaltung zwischen dem Selbst und den Dingen, die jeglicher Geschichte und jeglicher Entwicklung vorausgeht. Wenn Deutschland in zwei Teile geteilt ist, ist es das, weil es in seinem Unterbewusstsein in jeglicher Hinsicht geteilt ist (und gewesen ist). (S. 13)

Es sind dies hilflose pseudo-psychoanalytische Versuche, die nicht geeignet sind, historisch-politische Entwicklungen wie die Existenz von zwei deutschen Staaten als Ergebnis der Nachkriegsordnung zu erklären, und so taugen sie auch nicht zum literarischen Mittel der Allegorie5 . Zur Historizität von Levis Erklärungsmustern begnügt sich Bernd Roeck im – ansonsten nützlichen und informativen – Nachwort zur aktuellen Veröffentlichung dieses Textes aber kursorisch mit der Feststellung:

Wenn sich in seinem Werk Bezüge auf Denkmodelle von Freuds Psychoanalyse, Jungs Tiefenpsychologie oder der Zeittheorie Bergsons aufspüren lassen […], spiegelt das einen vielseitig interessierten Leser und brillanten Stilisten aber keinen systematischen Denker. (S. 172)

Das erscheint allzu lapidar. Zwar benennt er allerlei Bezüge, eine kritischere Einordnung wäre jedoch wünschenswert, ja notwendig gewesen für das heutige Lesepublikum, dessen Gegenwart verstörend und bestürzend erfüllt ist von ethnisch-nationalen, ja völkischen, rassistischen Elementen, die wiederum zu unsäglichen (Rück-)Entwicklungen in Politik und Gesellschaft führen.

Ebenfalls in der Vorbemerkung eröffnet Levi dem Publikum seine Art der Perzeption, die, wie er schreibt, sich bisher stets

durch ein erstes Bild einstellte (eine Vorstellung oder Eingebung, ein vages Gefühl oder einen Eindruck), was man bei einer Liebesbeziehung als ‹Kristallisation› bezeichnen könnte. […] Dabei ist es nicht eigentlich wichtig, ob dieses Bild an sich präzise und tiefgreifend ist: Wichtig ist nur, dass es wahr und lebendig ist, dann wird es wie ein Schlüssel alle Türen öffnen, die vielfältigen Aspekte der Realität entschlüsseln, die es ihrerseits verändern oder letzten Endes sogar zerstören und auslöschen werden. […] Dieses Bild […] ist nichts weiter als die Sorge um einen Geliebten oder seine Inbesitznahme: eine gleichzeitige Feststellung von Identität und Anderssein, eine unbestimmte und äußerst weitreichende Verschmelzung des Bewusstseins, mächtig und enthüllend in ihrer Unbestimmtheit. (S. 16)

Und er bemerkt, dass es ein Bild, von dem die «Kristallisation» hätte ausgehen können, bei dieser Reise «[…] vielleicht weil ich darauf gewartet habe, nicht gegeben [hat], oder es war nicht deutlich genug» (S. 16). Dass diese ihm bisher vertrauten Wege seiner Perzeption nicht zu einer fassbaren, sondern zu einer ambivalenten Rezeption führten, verortet er «einzig und allein» in «den Dingen selbst und nicht etwa in einer bestimmten Geisteshaltung oder Unachtsamkeit oder fehlenden Klarheit meinerseits.» (S. 17)

Der Klage über die bei den Deutschen ausgemachte Leere, die Zerrissenheit des Landes, das lähmende Trauma, dem der Schutzmechanismus des Schweigens inhärent ist, begegnen wir in etlichen Texten der Zeit, ob in den Briefen, die Hannah Arendt während ihrer Besuche aus dem Nachkriegsdeutschland schrieb, ob in Gabriele Tergits wunderbarem Roman Der erste Zug nach Berlin oder anderen. Levis Text bereichert diese Rezeptionslinie zu Deutschland ungemein. Seine Achtsamkeit in der Beobachtung ebenso wie seine stilistisch klare und elegante Sprache sind von einer Qualität, die wir in der Literatur unserer Tage nur selten finden, und machen die Lektüre des Textes zu einem ästhetischen Genuss. Oft verwendet Levi Analogie, Kontrast, Vergleich als poetische Mittel. Das blasse Gesicht des «zurückhaltende[n], schüchterne[n] junge[n]» Begleiters aus dem Veneto in München wird kontrastiert mit den roten Wangen von dessen draller, deutscher Tanzpartnerin (S. 39); in der Berliner Gemäldesammlung (heute Alte Nationalgalerie) vergleicht er die alten deutschen Meisterwerke mit den italienischen: «Offenbarungen des allerersten Auftretens der Probleme der Spaltung der Moderne» stehen «Meisterwerke[n gegenüber], die einer Welt der vollständigen, beinahe unglaublichen Einheitlichkeit angehören, einer Welt, in der Schönheit existiert, wie das Abbild einer vollkommenen Harmonie des Menschen mit der Welt» (S. 123 f.). Eine der vielen eindrücklichen und kunstvollen Passagen soll hier als Kostprobe von Levis poetischer Prosa und seiner auf Verstehen hin mäandernden Reflexionen, zum Vergleich im italienischen Original wie in der Übersetzung, zitiert werden:

Quante volte, in pochi giorni, ho fatto quel percorso sull’elevata! Oggi c’è il sole, e il paesaggio squallido della zona nuda fra le due città, si rivela in tutto il suo intrico di macerie, di strade solitarie, di cose morte e abbandonate, di nascondigli, di rifugi, di possibili agguati, come una astratta pagina di rimasugli di storia che nessuno si sia curato di riordinare, e in mezzo alla quale si levano, qua e là, lontane costruzioni superbe, isolate e assurde. […] Forse oggi qui, per la domenica e il sole, le due Berlino si sono date convegno e si sono mescolate, e il carattere chiuso di antica Germania popolaresca e medioevale si è perduto e diluito nell’afflusso di visitatori occidentali, di giovani, delle famiglie borghesi, dei parenti che vivono divisi nelle due zone e si ritrovano tra i baracconi della fiera. Ma gli orsi, araldici e fotografici, sono gli stessi e i vecchi organi, col nome italiano del fabbricante scritto in caratteri gotici, danno al rumore innumerevole dei passi il senso remoto, e il ritmo uguale e disperato, di una storia che si ripete. (S. 106 der italienischen Ausgabe 2024)

Wie oft ich diese Strecke [zwischen West und Ost-Berlin] in nur wenigen Tagen mit der Hochbahn gefahren bin! Heute scheint die Sonne, und die trostlose Landschaft der kahlen Zone zwischen den beiden Städten zeigt sich mir in ihrem ganzen Gewirr aus Trümmern, menschenleeren Straßen, Abgestorbenheit und Verlassenheit, Schlupfwinkeln, Zufluchtsstätten, Orten potenzieller Hinterhalte, wie eine abstrakte Anhäufung von Überbleibseln der Geschichte, die aufzuräumen sich niemand geschert hat und inmitten derer sich hier und dort in der Ferne, isoliert und aberwitzig, hochmütige Bauwerke erheben. […] Vielleicht haben sich, weil Sonntag ist und die Sonne scheint, die beiden Berlins heute hier verabredet und vermischt, hat sich der verschlossene Charakter des alten volkstümlichen und mittelalterlichen Deutschlands im Zustrom der Besucher aus dem Westen verflüchtigt und aufgelöst, der Studenten, Jugendlichen, bürgerlichen Familien, Verwandten, die getrennt voneinander in den beiden Zonen leben und sich zwischen den Marktständen wiedertreffen. Aber die Bären, Wappentiere und Fotomotive, sind noch dieselben, und die alten Drehorgeln mit dem italienischen Herstellernamen in gotischer Schrift verleihen dem Geräusch unzähliger Schritte das vage Gefühl und den eintönigen, verzweifelten Rhythmus einer Geschichte, die sich wiederholt. (S. 124 f.)

Levis Betrachtungen der beiden Deutschlands, BRD und DDR, «mitleiderregende Schwestern der inneren Unfreiheit» (S. 115), zeugen von keiner Hoffnung. Mit einem Bild umfasst er schließlich seinen ganzen Text: Der Motor des Richtung Deutschland abhebenden Flugzeugs entspricht dem abwechselnd sich ausdehnenden und zusammenziehenden Herzen und «bringt unsere widersprüchlichen Gefühle zum Ausdruck und trägt sie in sich, wie auch unser gelegentliches Bedürfnis nach Einsamkeit in dieser bevölkerten Welt» (S. 23). In der Schlusspassage nimmt Levi dieses Bild wieder auf: Wie ein Herz liegt Deutschland in der Mitte Europas, es schlägt in der linken und rechten Herzkammer wie ein Motor

hartnäckig im Rhythmus seiner Maschinen […] alles liegt in diesem Herzen verschlossen, und dennoch fühlt man, dass sich unter dem mechanischen, geordneten Schlagen dieses großen Muskels ein finsteres Schweigen befindet, eine hohle Stille aus Fragen und Erschütterung. Dieses Herz, dieses kräftige Herz, dieses geheimnisvolle Herz, ist ein leeres Herz. (S. 146)

Für Levi war die Reise nach Deutschland eine Reise ins Dunkel; bei seiner Ankunft in München ist es Nacht und beim Heimflug über die Alpen «leuchten die Wolken in der Sonne» «unter dem klaren Himmel» und der Reisende lässt «den Sonnenuntergang hinter sich» (S. 147). Der aufmerksamen Leserin, dem aufmerksamen Leser kann der Hinweis auf die Möglichkeit der Heilung von Leere und Dunkelheit aber nicht entgehen. In der 1958 von Levi für das westliche und östliche Deutschland, jene «mitleiderregende[n] Schwestern der inneren Unfreiheit» (S. 115), formulierten Analyse ist sie angedeutet:

[…] die eine lässt theoretisch die Freiheit, sich ein eigenes Urteil zu bilden, und das befreite Urteilsvermögen zieht sich in sich selbst zurück und wird nicht zum Ausdruck gebracht, die andere unterdrückt es, und paradoxerweise glimmt es unter der Asche hervor. (S. 115)

Die Formel der Aufklärung, in der der Deutsche Immanuel Kant, der fast niemals gereist ist, seine Philosophie mit dem sapere aude des Römers Horaz verbindet, weist uns bis heute und gerade heute weiterhin den Weg, uns mit Mut und Entschlossenheit aus dem Dunkel der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

  1. Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie Zweiter Teil. Akt V, 1.
  2. Thomas Mann: «Deutsche Hörer! Fünfundfünfzig Radioansprachen nach Deutschland.» In: Thomas Mann. Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Bd. XI, 3: Reden und Aufsätze. Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 1990, S. 983 ff.
  3. Gustav Seibt: «Atemberaubend: Germania, 1958. Carlo Levis Reisenotizen». In: Süddeutsche Zeitung, 18. November 2024, https://www.sueddeutsche.de/kultur/carlo-levi-die-doppelte-nacht-buchempfehlungen-literatur-italien-deutschland-lux.HxGfuyQshT4V4rm1nJvSRn?reduced=true.
  4. Ebd.
  5. Auch wenn der Entstehungskontext des Textes dazu einzuladen scheint: Durch die Forschungen der Psychoanalyse zum Unbewussten traten seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts neue Facetten zur in der Kunst seit jeher verankerten Faszination am ‹Anderen›, wie es sich im ‹Ver-rückt›-Sein, im ‹Wahn(-sinn)› o. ä. zeigt, hinzu. In Italien hielten sich derart geprägte Tendenzen gerade auch in Literatur und Film durchaus lange und setzten sich in besonderer Weise bis hin zu den Diskussionen um Basaglias «Nuova Psichiatria» in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts innerhalb eines erweiterten gesellschaftspolitischen Diskurses fort. Schlaglichter auf die intensive und anhaltende Beschäftigung von Literaten und Filmschaffenden mit diesen Themen finden sich z. B. in Alberto Riva: Ultima estate a Roccamare. Vicenza: Neri Pozza Editore, 2023.