Rezensionen

Daniele Rielli: Il fuoco invisibile. Storia umana di un disastro naturale
Milano: Rizzoli 2023

Birgit Ulmer

Daniele Rielli: Il fuoco invisibile. Storia umana di un disastro naturale. Milano: Rizzoli 2023, 304 pp., Euro 18,-, ISBN: 978-88-17-17334-6

Eine Epidemie, die die moderne Gesellschaft vollkommen unvorbereitet trifft und sich unter anderem durch die Trägheit der regionalen und nationalen Institutionen rasend schnell ausbreitet; Desinteresse und Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen; durchaus in guter Absicht getroffene Fehlentscheidungen von Menschen, die sonst über jeden Verdacht erhaben sind; und schließlich eine in allen gesellschaftlichen Schichten immer stärker werdende Tendenz zu Verschwörungstheorien, zur Verleugnung von Tatsachen und Verbreitung von Fake News – all das von den sozialen Medien gewaltig befeuert.

Es kann nicht ausbleiben, dass dieses Szenario unwillkürlich an die Covid-19-Pandemie erinnert. Vieles, was Daniele Rielli in seinem Roman Il fuoco invisibile von 2023 beschreibt, konnte in vergleichbarer Form, ja häufig nahezu identisch, in den Ereignissen und Vorgängen rund um das Coronavirus beobachtet werden. Seine Schilderungen können daher als paradigmatisch für den von großer Orientierungslosigkeit gekennzeichneten Umgang unserer modernen Gesellschaft mit existenziellen Krisen gelesen werden.

Angesichts eines unerwarteten und schwer zu entschlüsselnden Ereignisses sind die Herangehensweisen und Positionen der Menschen überaus verschieden und teilweise durchaus überraschend– selbst bei denjenigen, die wir gut zu kennen glauben. Eine ganze Reihe von Faktoren entscheidet darüber, wie der oder die Einzelne und am Ende die Gesellschaft als ganze reagiert: unter anderem der kulturelle Hintergrund, die verfügbaren Informationen und deren Glaubwürdigkeit respektive Faktizität, die individuelle und kollektive Verfasstheit und persönliche Haltung u. v. m. Sind Institutionen involviert, spielen außerdem verschiedenste, nicht zuletzt politische und wirtschaftliche Interesse eine nicht unbedeutende Rolle.

In Riellis Text geht es nicht um ein Virus, das die Gesundheit der Menschen bedroht, sondern um ein Bakterium (Xylella fastidiosa), das durch den weltweiten Handel mit Kultur- und Nutzpflanzen nach Apulien gelangt ist und dort offenbar ideale klimatische Bedingungen sowie ein Überträgerinsekt gefunden hat, was zu einer der wohl schlimmsten Pflanzenepidemien aller Zeiten geführt hat: Die von vielen für unsterblich gehaltenen Olivenbäume ganzer Landstriche sind ihr zum Opfer gefallen, sodass in den vergangenen knapp 15 Jahren etwa im Salento, aber auch darüber hinaus ein «gigantesco cimitero vegetale» (277) entstanden ist. Die Bäume wirken wie von einem unsichtbaren Feuer verbrannt – daher der Titel des Buches –, denn das Bakterium nistet sich im Wasserleitsystem (Xylem) des Baumes ein und verhindert so die Versorgung der befallenen Pflanze. Bis heute wurde kein wirksames Gegenmittel gefunden, wobei die Epidemie inzwischen durch verschiedene Maßnahmen zumindest an Dynamik verloren hat.1 Dennoch wäre die enorm schnelle, großflächige und weitgehend unkontrollierte Ausbreitung wohl zu verhindern gewesen, wenn man frühzeitig der Stimme der Wissenschaft und den Hinweisen der Forschenden gefolgt wäre und es geschafft hätte, den insbesondere über die sozialen Medien verbreiteten Fehlinformationen der sogenannten «negazionisti» Einhalt zu gebieten, die die Existenz der Krankheit bis heute leugnen. Ganz im Gegensatz dazu wurden jedoch unter anderem staatsanwaltlich angeordnete polizeiliche (Vor-)Ermittlungen gegen die beteiligten Wissenschaftler*innen eingeleitet. Dadurch wurden ihre Forschungsergebnisse in Misskredit gebracht, ihre weitere Arbeit behindert, und sie selbst als Personen in der Öffentlichkeit diskreditiert.2

Il fuoco invisibile ist ein Bericht über diese bittere und in diesem Ausmaß wohl vermeidbare Katastrophe, die Apulien und seine Bewohner bis ins Mark erschüttert hat, denn: «It’s about the soul.» (169)

Es handelt sich um einen vielstimmigen Text, der sich in keine Schublade packen lässt3 : journalistische Reportage, Bericht, Autobiografie, klassische Erzählung, Chronik, Essay, populärwissenschaftliche Abhandlung – all das findet sich in den relativ kurzen Unterkapiteln der sieben Teile des Romans. Und so entsteht ein ganzer Chor an Stimmen, der die verschiedensten Aspekte behandelt. Als roter Faden und Verbindungsglied zwischen den sprachlich-stilistisch sehr unterschiedlichen Abschnitten fungiert der Bezug zur Familie des Autors.

Rielli gelingt es, von einem sehr persönlichen Ausgangspunkt aus – die Oliven seiner Familie väterlicherseits sind betroffen, sein Großvater berichtet von einem prophetischen Traum und spricht dabei von eben jenem «fuoco invisibile» – einerseits, die wissenschaftliche Seite der Problematik zu schildern, andererseits aber auch die verschiedenen gesellschaftlichen Implikationen darzustellen. Unterschiedlichste Personen(gruppen) kommen zu Wort: Da sind die Olivenbauern, die um ihre Existenz bangen; die Politiker, die immer die nächsten Wahlen im Blick haben; die Wissenschaftler*innen, die mit aller Kraft daran arbeiten, die Ursachen für das Olivenbaumsterben und mögliche Gegenmittel und -maßnahmen zu finden, die aber nicht unbedingt Gehör finden – insbesondere, wenn ihre Ergebnisse unangenehme Folgen haben und nicht dem entsprechen, was die Leute hören wollen. Die schließlich sogar, wie schon erwähnt, unter Anklage und offen an den Pranger gestellt werden. Durch die kulturellen Implikationen – der Olivenbaum als Symbol des Mittelmeerraums4 – kommen weitere Stimmen hinzu, die einen regelrechten Kulturkampf entfachen und dafür insbesondere die sozialen Medien nutzen. Hier finden Verschwörungstheorien aller Art Verbreitung, ebenso die altbekannte Mär vom bösen Fremden, der von außen eindringt und die ursprüngliche Harmonie und Reinheit aus niederen Beweggründen zunichte macht.5 Jegliche Schuld wird dabei nach außen abgegeben und auf eben dieses Fremde projiziert:

[…] la comparsa di Xylella è andata a innestarsi su narrazioni preesistenti e il paragone è stato caricato di significati culturali e simbolici che vanno molto oltre quella che è la realtà dei fatti di un’epidemia vegetale. […] Ogni buona storia richiede una forza agente e un cattivo archetipale e la religione, madre di tutte le grandi narrazioni, sa da sempre come si costruisce una struttura avvincente. […] In questa narrazione il Sud è un soggetto puro, privo di responsabilità, il male è totalmente esternalizzato. La narrazione è catartica. (112)

Beim Lesen erfahren wir so weit mehr als nur die reinen Fakten zur Epidemie oder Autobiografisches. Rielli geht beispielsweise auch auf die Geschichte des apulischen Olivenöls ein. Im 18. Jahrhundert wurde nahezu die gesamte Region entwaldet, um Monokulturen für die Produktion von Lampenöl anzulegen, welches mit dem Siegeszug des elektrischen Stroms Ende des 19. Jahrhunderts schlagartig wieder jede Bedeutung verlor. Die damals gepflanzten Sorten waren also nicht für die Gewinnung von Speiseöl gedacht und dafür auch nicht sonderlich geeignet. Dennoch wurden sie zum «simbolo del territorio» (127). Ebenfalls am Beispiel der Olivenbäume beleuchtet und hinterfragt der Autor unseren in vielerlei Hinsicht paradoxen Blick auf die Natur und entlarvt den historischen Mythos vom traditionellen Olivenöl extra vergine aus Apulien und einem verlorengegangenen Arkadien:

L’ulivo, dice Silvio [Schito, ehem. Leiter des apulischen Pflanzenschutzamts] è forse la pianta che meglio rappresenta il rapporto sinergico tra uomo e pianta. È un fatto che non esistano foreste di olivastri – la forma selvatica dell’ulivo – in natura rimangono arbusti, è solo il rapporto con l’uomo a farli diventar alberi e a renderli la pianta più diffusa su di un territorio. Non è solo la cultura mediterranea a essere definita dal suo rapporto con l’ulivo, prima ancora è l’ulivo a nascere grazie al rapporto con l’uomo. Senza questa sinergia l’albero non esiste, quindi non diventa grande, non produce olive e di certo non dura millenni. (106)6

Schließlich deckt der Autor noch auf, welche Macht das Geschichtenerzählen in sich birgt, das mittlerweile allgegenwärtig, eine regelrechte «invasione delle storie» (243) geworden ist:

tutti vogliono raccontarci una storia perché sanno che è la via privilegiata per arrivare al nostro cuore e alla nostra mente. […] Le narrazioni sono sempre esistite e hanno sempre giocato un ruolo fondamentale, ma la tecnologia ha cambiato i termini del problema rendendole ubique e ritagliate su misura per noi. (243)

Zu diesem Thema hat Rielli sich mit dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall, unter anderem Autor von The Storytelling Animal: How Stories Make Us Human (Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2012), ausgetauscht und zitiert ihn wie folgt: «La verità condivisa va scomparendo. È un mondo dove quello che è considerato vero è ciò che ha dietro la storia migliore e non le prove migliori.» (243) Wie schon anderswo stellt Rielli auch an dieser Stelle wieder einen, in diesem Fall äußerst bitteren Bezug zu seiner persönlichen Geschichte her, denn selbst sein Vater glaubt am Ende nicht das, was der Sohn recherchiert und aufgeschrieben hat:

avevo studiato i paper scientifici sull’argomento, conoscevo nel dettaglio la storia della malattia, avevo parlato con ogni persona coinvolta ad alto livello nel contenimento dell’epidemia e anche con diversi negazionisti, ne scrivevo sui giornali, insomma avevo un patrimonio di conoscenze che sarei stato felice di condividere, se non fosse che, non so come altro metterla, mio padre non credeva una parola di quello che gli dicevo. (250f.)

Nicht zuletzt stellt der Autor außerdem fest, dass Geschichte sich wiederholt, denn in der Tat hat die Xylella-Epidemie in Apulien einen Vorläufer in einer Pierce’s Disease genannten Pflanzenkrankheit, die Ende des 19. Jahrhunderts die Weinreben weiter Landstriche in Kalifornien vernichtet hat: «la storia di cui mi stavo occupando da anni era già accaduta quasi identica in un altro tempo e in un altro spazio» (284). Auch damals wurden wissenschaftliche Forschungsergebnisse nicht ernstgenommen oder einfach für falsch erklärt, Gegenmaßnahmen boykottiert usw. – eine Art Blaupause für das, was in den letzten zehn bis 15 Jahren in Apulien zu beobachten war. Nun jedoch im Zeitalter des Internets, wo Instagram, Facebook, WhatsApp, TikTok und Co agieren.

  1. Hinzu kommt, dass die Problematik zwar weiterhin unübersehbar, jedoch einfach von der Tagesordnung verschwunden ist: «Nel momento in cui scrivo, gli ulivi morti a seguito della diffusione di Xylella sono circa ventuno milioni. La malattia continua ad avanzare nell’indifferenza generale, semplicemente si è smesso di parlarne. Nel Salento, la foresta di ulivi morti è ancora sotto gli occhi di tutti ma è scomparsa dalla coscienza.» (277)
  2. Das weckte laut Rielli auf internationaler Ebene Erinnerungen an den auf die schwere Erdbeben-Katastrophe von Aquila folgenden Prozess: «Nella comunità scientifica internazionale è ancora viva la memoria del processo ai sismologi per il terremoto dell’Aquila e il sistema giudiziario italiano è guardato con sospetto […] Nature, Science e il Washington Post denunciano una nuova caccia alle streghe italiana contro la scienza» (217). Der Anwalt Luca Simonetti, mit dem auch Rielli gesprochen hat, stellt in zwei Büchern verschiedene Beispiele dieser Problematik vor: La scienza in tribunale. Dai vaccini agli Ogm, da Di Bella al terremoto dell’Aquila: una storia italiana di orrori legali e giudiziari (Rom: Fadango Libri, 2018) und La scienza in tribunale 2. La vendetta. Omeopatia, diete miracolose, api friulane e altri disastri (Rom: Fadango Libri, 2020).
  3. Vermutlich ergibt sich unter anderem hieraus das Zögern deutschsprachiger Verlage, eine Übersetzung dieses spannenden Textes in Angriff zu nehmen – sehr bedauernswert aus Sicht der Rezensentin!
  4. So heißt es fast einleitend: «Da millenni questo albero e l’uomo vivono nel Mediterraneo una storia comune: il tronco avviluppato, segnato, ferito ma resistente ai secoli e le fronde sempre verdi sono l’allegoria di una civiltà. È un albero sacro, se mai ne esiste uno.» (15) Und der private Olivenhain der Familie wird gegen Ende des Buches ebenfalls als eine Art spiritueller Ort beschrieben: «ma questo campo non è un’azienda, È quasi un luogo spirituale» (283).
  5. «[…] è lo stesso archetipo della Terra Madre attaccata da una minaccia esterna che [riemerge] nella congettura che vuole i disseccamenti degli ulivi causati non dal batterio ma dai fitofarmaci venduti da una multinazionale, [...] americana, lo straniero per eccellenza.» (239) In diesem Fall konkret etwa der US-amerikanische Konzern Monsanto, der angeblich ganz Apulien mit seinen genmanipulierten Pflanzen bestücken möchte.
  6. Erschwerend kommt hinzu: «La resistenza all’innovazione non riguarda solo il gusto, l’olivocultura italiana è, in generale, una delle forme di agricoltura più tradizionaliste e meno innovative.» (140)