Rezensionen

Edith Bruck:
La donna dal cappotto verde
Milano: La nave di Teseo editore 2025

Ulrike Schimming

Edith Bruck: La donna dal cappotto verde. Milano: La nave di Teseo editore 2025, 122 pp., Euro 14,25, ISBN: 978-88-346-2000-7

Im Januar 2025 ist im italienischen Verlag La nave di Teseo Edith Brucks Kurzroman La donna dal cappotto verde neu aufgelegt worden. Die 1932 in Ungarn geborene Schriftstellerin erzählt darin von Lea, die eigentlich einen neuen Roman über eine Dame mit Gedächtnisverlust schreiben will. Doch Lea findet keinen Anfang, kann sich nicht entschließen, diese neue Geschichte zu beginnen. Da begegnet sie in ihrer Heimatstadt Rom beim Bäcker auf einmal einer alten Signora in einem grünen Mantel, die zu ihr sagt: «Sei Lea, la piccola Lea di Auschwitz!» (S. 19)

Dann verschwindet die alte Frau wieder und Lea bleibt verwirrt zurück.

So entspinnt sich eine gedankliche Rückkehr in die Zeit der Shoah und des Leidens, das Lea in Auschwitz und anderen Lagern durchmachen musste. Doch sind es meist nur kurze Erinnerungsfetzen, die Brucks auktoriale Erzählinstanz den Lesenden liefert. Lea versucht verzweifelt, sich an diese Frau zu erinnern, die ihr in Auschwitz begegnet sein muss. Sie weiß nicht mehr, ob es eine Aufseherin war, welche Nationalität sie hatte, ob sie womöglich diejenige war, die Lea an den Haaren von der Schwester weg in eine andere Baracke gezerrt hat.

Lea macht sich auf die Suche nach der Frau im grünen Mantel, findet heraus, dass sie quasi um die Ecke wohnt – und begegnet ihr noch einmal. Dieses Mal bestellt die Frau im grünen Mantel Lea in ihre Wohnung, die sie ihr für einen günstigen Preis verkaufen oder sogar schenken möchte. Doch sie verrät Lea nicht, wer sie ist oder warum sie das tun will.

All dies regt Lea so auf, dass sie einen Herzinfarkt bekommt und ihr im Krankenhaus zwei Stents gesetzt werden. Die Woche im Krankenhaus entwickelt sich dabei zu einer Art Horrortrip zwischen ungehaltenen Sanitätern, übergriffigen Schwestern, unsensiblen Nonnen und albtraumhaften Begegnungen. Obwohl Lea seit Jahrzehnten in Italien lebt, wird sie für eine Fremde gehalten. Man klärt sie nicht auf, wie es um ihre Gesundheit steht und was für eine Behandlung sie bekommt. Ihr Mann und ihre Nichte, die sie besuchen und ihr beistehen wollen, sind ebenfalls von der Unmenschlichkeit des Krankenhauses überfordert.

Hier zerfällt der Roman quasi in zwei Teile. Die Frau mit dem grünen Mantel taucht nicht mehr auf, ihre Identität und ihre Geschichte werden im Grunde nicht aufgeklärt. Lea ist jedoch immer stärker davon überzeugt, dass es sich bei ihr um die Blockälteste Alice handelt, die sie und andere Gefangene damals im Konzentrationslager grausam schikanierte. Mehr und mehr denkt sie über diese Frau nach und fängt an, sich zu fragen: «E come posso sapere io del male che hanno subito quelle come lei per diventare ciò che erano? Di ciò che volevano da loro i nostri aguzzini?» (S. 43)

Die beiden Erzählteile werden jedoch durch die Liebe Leas zu ihrem 90-jährigen Mann, dem Dichter Dario, zusammengehalten. Die beiden, die sich liebevoll «Nano» und «Nana» nennen, stützen sich gegenseitig und können nicht ohneeinander leben. Lea scheint das Alter Ego von Bruck selbst zu sein, denn sie verarbeitet nicht nur ihre eigene Zeit in den Konzentrationslagern, sondern sie lässt Lea ihrem Mann ein Gedicht der Amerikanerin Ruth Feldmann vorlesen, das Bruck selbst übersetzt hat. Fiktion und Realität werden so zu einer vielschichtigen und tiefgründigen Erzählung verwoben, in der aber immer wieder auch Verständnis für das Verhalten der Funktionshäftlinge im Lager durchschimmert, wenn beispielsweise Dario mit Lea über die grausame Blockälteste streitet.

«È stata disumanizzata, piegata alla volontà degli aguzzini per poter sopravvivere.»
«La difendi? Uno non può diventare ciò che non è, nessuno tira fuori ciò che non ha già dentro.»
«Ma cara, siamo fatti male e le circostanze possono essere micidiali, e tu conosci bene le debolezze umane, la lotta per la sopravvivenza ci rende animali.» (S. 38)

Ein Urteil über die Peinigerin verweigert der Roman konsequent – «Chi può giudicare chi, in simili circostanze?» (S. 31) –, vielmehr zeigt er durch den Krankenhausteil, wie unmenschlich und vorurteilsbehaftet es in heutigen großen Institutionen zugehen kann. Brucks auktoriale Erzählinstanz formuliert es nie aus, aber beim Lesen entsteht permanent der Eindruck, dass Lea im Krankenhaus ihre Auschwitz-Erfahrungen in Ansätzen erneut durchleidet. Natürlich zieht Bruck, die selbst Auschwitz, Bergen-Belsen und weitere Konzentrationslager überlebt hat, keinen Vergleich, es wäre vermessen. Aber sie deutet an, wie sehr die Erinnerungen in Holocaust-Überlebenden gären und durch einschneidende Erlebnisse in der Gegenwart an die Oberfläche gespült werden können. Man merkt deutlich, dass Bruck hier ihre persönlichen Erfahrungen aus den Konzentrationslagern verarbeitet, selbst wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt.

Dieser Kurzroman ist in Italien 2012 zum ersten Mal erschienen und liegt derzeit nicht in einer deutschen Übersetzung vor. Von Edith Bruck ist aktuell auf Deutsch nur Das barfüßige Mädchen (Berlin: Aufbau Verlag 2023), übersetzt von Verena von Koskull, im Handel, mit dem die Autorin 2021 auf der Shortlist für den Premio Strega stand und mit dem Premio Strega Giovani ausgezeichnet wurde. Dieser Lebensbericht, im Original Il pane perduto (Milano: La nave di Teseo, 2021), ist eine Neufassung und Fortsetzung von Brucks autobiografischem Debüt Chi ti ama così von 1959. In beiden Büchern schildert Bruck ihre Kindheit, die Deportation der ungarischen Juden nach Auschwitz und ihre Odyssee durch Lager wie Dachau und Bergen-Belsen. Endete sie 1959 mit ihrer Abreise aus Israel, so findet sich in Das barfüßige Mädchen auch ihr Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Vergleich dieser beiden Bücher fällt auf, wie sehr sich Brucks Schreiben verändert hat, von einem rauen, kurzgefassten Bericht hin zu einer poetisch-literarischen Version ihrer Lebensgeschichte, in der sie manche Episoden aus dem Debüt auslässt, andere hingegen ausführlicher schildert. Die unterschiedlichen Namen in den beiden Fassungen machen deutlich, dass Bruck Realität und Fiktion ganz bewusst einsetzt. Lediglich der Name der grausamen Blockältesten, Alice, ist identisch und kommt auch in La donna dal cappotto verde vor. Selbst, wenn die Bücher als Erlebnisbericht gelten, dürfte Brucks Leben vielfältiger und schmerzhafter gewesen sein, als sie es ihren Leser:innen erzählt.

Neben der Übersetzung von Chi ti ama così (Wer dich so liebt, aus dem Italienischen von Cajetan Freund, Frankfurt a. M.: Scheffler 1961) war in den 1960er-Jahren noch Andremo in città (Herr Goldberg, aus dem Italienischen von Susanne Hurni-Maehler, Hamburg: Claassen 1965) in Deutschland veröffentlicht worden. Der Wagenbach-Verlag brachte Wer dich so liebt 1999 in der alten Übersetzung noch einmal heraus. Das sind erstaunlich wenige Übersetzungen für eine Schriftstellerin, die in Italien 18 Romane und Erzählungen, drei Mémoires, sieben Gedichtbände und drei Theaterstücke veröffentlicht hat. Bruck hat zudem für den Film gearbeitet und vier Drehbücher geschrieben und bei drei Filmen Regie geführt. Von der Fondazione Il Campiello wurde sie 2023 für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. 2021 bekam sie sowohl das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland als auch den Verdienstorden Cavaliere di Gran Croce der Italienischen Republik.

Literarisch gibt es hier also noch Einiges, das für deutschsprachige Leser:innen interessant sein könnte.