Santo Peli: Geschichte der Resistenza. Antifaschistischer Widerstand in Italien, übersetzt von Andreas Löhrer. Wien/Berlin: Mandelbaum Verlag 2024, 240 S., Euro 22,-, ISBN 978399136-051-3
Die italienische Resistenza setzte im Vergleich zu anderen Widerstandsbewegungen im nationalsozialistisch besetzten Europa erst spät ein, denn die deutsche Besatzung1 begann dort – vor dem Hintergrund der Teilnahme Italiens am Zweiten Weltkrieg aufseiten Deutschlands seit dem 10. Juni 1940 – erst nach Zusammenbruch des faschistischen Regimes am 25. Juli 1943 und der anschließenden öffentlichen Bekanntgabe des Waffenstillstands Italiens mit den Alliierten am 8. September 1943.2 Der September 1943 markiert zugleich die Geburtsstunde der Resistenza, die in den folgenden rund 20 Monaten bis zur Befreiung Ende April 1945 gegen den Nationalsozialismus und den italienischen Faschismus in republikanischer Form kämpfte. Mit zuletzt rund 250.000 aktiven Kämpfern stellt die italienische Partisanenbewegung die größte Westeuropas dar. Nach Kriegsende wurde die Resistenza zum «Retourbillet»3 Italiens in den Kreis der demokratischen Nationen und war für die politische Kultur der italienischen Republik lange Zeit von herausragender Bedeutung.4 Damit zusammenhängend stellen die Jahre 1943–45 auch in der italienischen Geschichtswissenschaft einen der am intensivsten bearbeiteten Zeitabschnitte der neuesten Geschichte Italiens dar. Nicht zuletzt das Netz der circa 60 Resistenza-Institute mit ihrer mailändischen Zentrale, dem Istituto nazionale Ferruccio Parri, hat in der Nachkriegszeit die Erforschung des italienischen Bienniums 1943–45 in einer unüberschaubaren Zahl von Lokalstudien vorangetrieben.
Wer Publikationen in deutscher Sprache zu diesem «grande evento storico»5 sucht, muss sich jedoch mit einer sehr beschränkten Anzahl von Aufsätzen meist deutscher Historiker6 abfinden. Von den Standardwerken über die italienische Resistenza – Roberto Battaglias Storia della Resistenza italiana, Charles F. Delzells Mussolini’s Enemies, Giorgio Boccas Storia dell’Italia partigiana, Claudio Pavones Una guerra civile oder Marcello Flores’ und Mimmo Franzinellis Storia della Resistenza7 – wurde keines ins Deutsche übersetzt. Einzig und allein erschien 1970 eine Übersetzung der von Roberto Battaglia und Giuseppe Garritano verfassten Breve storia della Resistenza in Italia.8
Es ist daher sehr zu begrüßen, dass Andreas Löhrer für den Mandelbaum-Verlag Santo Pelis in italienischer Sprache zum ersten Mal 2004 erschienene Storia della Resistenza9 ins Deutsche übersetzt hat. Peli, emeritierter Wissenschaftler der Universität Padua, ist bereits durch zahlreiche Publikationen zur Resistenza in Erscheinung getreten; insbesondere seine 2014 erschienene, den städtischen kommunistischen Widerstandskämpfern gewidmete Monographie Storie di GAP stellt einen wichtigen Forschungsbeitrag dar.10
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Storia della Resistenza skizziert Peli die zum Verständnis notwendige Vorgeschichte bis zum 8. September und erläutert den internationalen Kontext, um anschließend einige seiner Grundinterpretationen der Resistenza vorwegzunehmen. Zu Recht betont er, dass dem italienischen Befreiungskampf der Eroberungskrieg des faschistischen Regimes aufseiten des nationalsozialistischen Deutschlands vorausging: «… ohne den Zusammenbruch oder die Implosion des faschistischen Regimes hätte es keine Möglichkeit einer bewaffneten Opposition gegeben.» (S. 9) Der Autor erläutert die internationale Kriegswende zugunsten der Alliierten mit den Niederlagen der Achsenmächte bei Stalingrad und El Alamein 1942/43, die wachsende Unzufriedenheit der italienischen Bevölkerung mit dem Regime, die im März und April 1943 in den ersten großen Arbeiterstreiks zum Ausdruck kam, und die Landung der Westalliierten auf Sizilien am 10. Juni 1943. Was den Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 betrifft, hätte Peli besser dessen Doppelcharakter herausarbeiten können, denn der Entlassung und Festnahme des ‹Duce› auf Befehl von König Vittorio Emanuele III. ging bekanntlich die nächtliche Sitzung des faschistischen Großrats voraus, dessen Mitglieder mehrheitlich die Resolution Dino Grandis beschlossen, die unter anderem den Oberbefehl über die Streitkräfte dem König zurückgab.11 Realistisch ist Pelis Urteil, dass die Antifaschisten am Sturz Mussolinis unbeteiligt blieben: «Die wenigen Tausend Antifaschisten, die auf die Inseln verbannt, im Exil, im Gefängnis sind, können nichts bewirken, und auch die äußerst schwachen Strukturen der antifaschistischen Parteien, die sich mühsam in Italien reorganisieren, haben zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit, relevante Schichten der Zivilgesellschaft zu mobilisieren.» (S. 10) Die folgende, nur 45 Tage bis zum Waffenstillstand währende Regierung des Marschalls Pietro Badoglio charakterisiert Peli korrekt als eine «regelrechte Militärdiktatur» (S. 10), die äußerst repressiv gegen Demonstranten und Streiks vorging.
Die folgende eigentliche Darstellung ist in zwei Teile gegliedert: erstens eine Geschichte der Resistenza in weitgehend chronologischer Ordnung, die den größten Teil des Buchs ausmacht (S. 17–154); zweitens ein kleinerer, den «vergessene[n] Protagonisten» gewidmeter Teil (S. 155–183).
Peli unterscheidet dabei fünf Phasen der Resistenza, was sich in den Kapiteln des Buchs widerspiegelt: die schwierigen Anfänge der Partisanenbewegung vom 8. September bis Ende 1943; die Konsolidierung und der Aufbau der Partisanengruppen im ersten Halbjahr 1944; die Ausweitung der Bewegung von Juni bis August 1944 und die für diese Zeit charakteristische Einrichtung von sogenannten freien Gebieten (zone libere); die großen Durchkämmungsaktionen von August bis Dezember 1944 und die Krise der Partisanenbewegung während des harten Winters 1944/45; schließlich der finale Aufstand, die Insurrezione. In diesem ersten Teil liegt der Fokus auf einer klassischen, militärisch-politischen Geschichte der Resistenza, wobei neben dem bewaffneten Widerstand auch die Rolle der antifaschistischen Parteien, der nationalen Befreiungskomitees (Comitati di Liberazione Nazionale), die Beziehungen der Resistenza zu den Alliierten und die Streiks der Arbeiterbewegung behandelt werden. Auch die schwierigen Seiten der Resistenza wie die Konflikte zwischen Formationen unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit – deren eklatantestes Beispiel das Massaker von Porzûs ist –, die problematischen sogenannten Foibe-Massaker im ehemaligen italienisch-jugoslawischen Grenzgebiet und die Ermordungen von (Ex-)Faschisten nach der Befreiung blendet Peli keineswegs aus. Deutlich wird in diesen Kapiteln Pelis These, dass der bewaffnete Widerstand zwar eine Minderheit darstellte, die faschistische Italienische Sozialrepublik jedoch einen Staat darstellte, der angesichts von Wehrdienstverweigerung und Streiks dem «Massenungehorsam» (S. 13, 46, 60) seiner Bürger bzw. Untertanen ausgesetzt war.
Der zweite, den «vergessene[n] Protagonisten» gewidmete Teil enthält ein erstes Unterkapitel zu der lange marginalisierten Rolle der Frauen in der Resistenza. Es sei äußerst «schwierig, in der Resistenza ein entscheidendes Kapitel der Frauenemanzipation zu sehen» (S. 157). Zu sehr sei in der Erfahrung und noch mehr in der Erinnerung und der Geschichtsschreibung die Rolle der Frauen als sekundäre, unterstützende, ergänzende Funktion zum männlich dominierten bewaffneten Widerstand wahrgenommen worden, «unabhängig von ihrer Verfügbarkeit, den tatsächlich ausgeübten Funktionen, den Risiken und erlittenen Qualen» (S. 157).
Ein zweites, in drei weitere Teile gegliedertes Unterkapitel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Formen der «Ablehnung des Kriegs». Der erste Teil skizziert die Geschichte der über 600.000 italienischen Militärinternierten, die nach dem 8. September 1943 in deutsche Gefangenschaft gerieten und sich weigerten, den Krieg aufseiten des ehemaligen Verbündeten fortzusetzen.12 Mindestens 20.000 von ihnen starben an den elenden Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern, 13.300 während des Transports, 6.300 wurden aufgrund krimineller Befehle erschossen, 600 bei Massakern in den letzten Kriegstagen getötet und 5.400 sind in den Operationsgebieten der Ostfront verschollen. Der zweite Teil dieses Unterkapitels ist dem Phänomen der massenhaften Kriegsdienstverweigerung in der Repubblica Sociale Italiana gewidmet, wobei Peli betont, dass die Kriegsdienstverweigerung einerseits als Vorstufe die Resistenza begünstigte, dass andererseits aber auch die Existenz der Partisanenbewegung die Wehrdienstverweigerung förderte, da sie eine die Legitimität der Repubblica Sociale Italiana infrage stellende Alternative darstellte. Wie der dritte Teil des Unterkapitels zeigt, war die Kriegsdienstverweigerung nicht nur auf die deutsch besetzten Teile Italiens beschränkt, sondern auch das Königreich im Süden hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, als die Bonomi-Regierung im Herbst 1944 Zwangsrekrutierungen für den Krieg aufseiten der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland beschloss. Die Revolten, die diese Maßnahme hervorrief, sind unter dem Schlagwort nonsiparte bekannt.
Am Schluss des Buchs konstatiert Peli zu Recht, dass sich die bisherige historische Forschung über die Resistenza vor allem auf das «stark minoritäre Phänomen des bewaffneten Widerstands» (S. 183) konzentrierte, während die «Ablehnung des Krieges und die vielfältigen Verhaltensformen, in denen sie sich äußert» (S. 183) noch weitgehend unbekanntes Terrain darstellten. Es bleibe daher «noch viel zu tun, um zu einer zufriedenstellenden Kenntnis der italienischen Gesellschaft in der Krise von 1943 bis 1945 zu kommen» (S. 183). So schließt das Buch mit einem optimistisch formulierten Desiderat für künftige historische Forschungen.
Insgesamt ist Peli eine solide Überblicksdarstellung gelungen, die das Phänomen der Resistenza mit ihren Licht- und Schattenseiten darstellt, ohne in den realitätsfernen Mythos vom «Volk in der Macchia»13 der älteren antifaschistischen Geschichtsschreibung zu verfallen. Als Einführung für deutsche Leser haben Andreas Löhrer und der Mandelbaum-Verlag einen sehr guten Text gewählt, der ohne Einschränkung zu empfehlen ist. Was die deutsche Übersetzung betrifft, wäre es nach Meinung des Rezensenten zuweilen besser gewesen, eine freiere, sinngemäße statt wörtlicher Übersetzung zu wagen, denn einige Formulierungen klingen im Deutschen etwas holperig.